Hochschulmanagement: The winner takes it all

Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob diese ganzen Initiativen im Rahmen der neoliberalen Hochschulreform wirklich alle ernst gemeint sind. Die Suche nach dem „Hochschulmanager des Jahres 2011“ ist mal wieder so ein Punkt. Auf den Thron bugsiert wird am 7.12. in Berlin durch die FTD und – wie könnte es anders sein – das Centrum für Hochschulentwicklung CHE. Gesucht wreden, so schreibt die FTD, „die besten Alphatiere an den Unis“.

Alpha? Tier? Klingt ja irgendwie undemokratisch. Und dafür eine Auszeichnung? Hier also noch die Begründung des FTD, warum die sechs Kandidatinnen und Kandidaten dennoch SPITZE sind::

Jeder hat seinen eigenen Führungsstil, doch alle haben ihre Unis im Wettbewerb erfolgreich positioniert. […] Alle sechs Kandidaten für die Auszeichnung zum Hochschulmanager des Jahres haben ihre Universität zu einem schwierigen Zeitpunkt übernommen. Sie mussten teilweise radikal sparen, auf- oder umbauen, Geld akquirieren und Schwerpunkte setzen, um sich im Wettbewerb um Studierende, Professoren und Drittmittel durchzusetzen. Das ist ihnen gelungen – wenn auch auf verschiedenen Wegen und mit verschiedenen Mitteln.

Ach die armen HochschulmanagerInnen, die mussten also radikal sparen…

Zusammengefasst besteht also die Aufgabe des Hochschulmanagments in der Rationalität von CHE und FTD darin, seinen Schäfchen freundlich aber bestimmt die Grundregeln der unternehmerischen Hochschule zu vermitteln: Erstens: Wir müssen gegen die Konkurrenz gewinnen. Zweitens: Wir sitzen alle in einem Boot. Drittens: Es ist fünf vor zwölf.

Wie heißt es doch so schön im Ratgeber für zeitgemäßes Management:

Die Kenntnis des Ganzen, der Dienst am Ganzen, das Bewusstsein, etwas Wichtiges zu seiner Entstehung, Erhaltung und zu seinem Erfolg beizutragen, sind vom Wechselspiel der täglichen Motivationskünste [der Führungskräfte; N.Sp.] weitgehend unabhängig. (Malik 2001: 95)

Da „der Mensch“ nicht gelernt habe, seinen Job zu organisieren, besteht die Aufgabe des Managements darin, „die Menschen anzuleiten“ (ebd.: 99). Der Ratgeber schreibt weiter:

Wie gesagt, im Kern ist es ganz einfach: Man diskutiert mit ihnen ihren Beitrag. Das zwingt sie von ganz alleine dazu, sich selbst Gedanken […] über die Frage zu machen. […] Man diskutiert so lange, bis die Menschen reflexartig ihre Antworten beginnen mit ‚Ich sorge dafür, dass…‘. […] Einmal im Jahr sollte man das mit den jungen, neuen und unerfahrenen Mitarbeitern tun; und etwa alle drei Jahre mit den älteren und erfahrenen. (ebd.; Hvh. im Orig.)

Das sich diese Rationalität mit der Arbeit an Hochschulen gut verträgt, darf bezweifelt werden. (Mit einer Demokratisierung der Wirtschaft verträgt sie sich schließlich auch nicht.) Sie bildet dennoch die Leitlinie der gegenwärtigen Reform. Bodo Zeuner hat diesen Norm- und Strukturwandel im Rahmen seiner Abschiedvorlesung sehr treffend kritisiert, auch was die neuen Funktion des Managements angeht:

Das ist ein klares Programm: Universitäten als Wirtschaftsunternehmen sans phrase. Wie bei, sagen wir, der Firma Mercedes gibt es zwei „unternehmerisch“ denkende und handelnde Instanzen: den Aufsichtsrat (bei den Unis: Hochschulräte und Kuratorien, besetzt mit sogenannten „unabhängigen Persönlichkeiten“, die großenteils aus der Wirtschaft kommen) und den Vorstand („das Leitungspersonal“). Letzterer braucht, es sei wiederholt, eine „umfassende Entscheidungsbefugnis“. Es darf also nicht behindert werden durch interne Mitentscheider, die es bei Mercedes auch nicht gibt, nämlich Gremien der akademischen Selbstverwaltung, Akademische Senate zum Beispiel. Solche Gremien sollen zugunsten der „unternehmerisch“ funktionierenden Instanzen entmachtet werden. Die „Gremien der akademischen Selbstverwaltung“ sollten sich auf „Beratung und Kontrolle“ reduzieren. Nun ist dies ein Widerspruch in sich: Gremien, die nur noch beratend und kontrollierend tätig sind, aber keine originären Entscheidungsbefugnisse haben, verdienen nicht mehr den Namen „Selbstverwaltung“, wie sich z.B. aus dem Vergleich mit der kommunalen Selbstverwaltung ergibt: Wenn Stadträte oder Gemeinderäte gegenüber den allein entscheidenden Bürgermeistern und Verwaltungschefs nur noch Beratungs- oder nachträgliche Kontrollrechte hätten, dann gäbe es keine kommunale Selbstverwaltung mehr, sondern eine kommunale Diktatur.

Genau dies, die innerbetriebliche Diktatur des Managements, ist erklärtes Ziel gegenwärtiger Umstrukturierungen im Hochschulwesen.

(Bodo Zeuner bezog seine Kritik vor allem auf den damaligen FU-Präsidenten Dieter Lenzen. Im Jahre 2008 wurde Dieter Lenzen von FTD und CHE zum – trara! – „Hochschulmanager des Jahres“ gekührt.)

 

Malik, Fredmund. 2001. Führen, Leisten, Leben. Wirksames Management für eine neue Zeit. München: Heyne.

Zeuner, Bodo. 2007. Die Freie Universität Berlin vor dem Börsengang? Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft. In: Prokla 137: 325-350.

 

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